Das Verschwenderische der Natur

Ulrike Schieferstein thematisiert gern das Verschwenderische der Natur – das uns ein Augenschmaus sein möge. Geradezu ein Musterbeispiel sind die „Blumen am Gartenzaun“.

Wir kennen das: In voller Pracht hängt Buschwerk sich über einen Zaun hinweg – am üppigsten ins Niemandsland hinein. Gern ist diese Seite des Zauns dann auch die Sonnenseite. Und so halten wir inne: Da muss man einfach mal still genießen, was sich andernfalls stumm und unbeachtet in verschwenderischer Blütenpracht austobt… Die Natur wartet nicht auf unsere Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit müssen wir schon schenken.

Mit lockerem Pinselstrich die Natur einfangen

Ulrike Schieferstein fängt es noch einmal für uns ein – und bannt es gleichsam für die Ewigkeit. Aber allmählich werden wir auch neugierig, wie sie das denn schafft, uns so sehr einzunehmen mit dieser Pracht der Natur. Und so tasten wir uns vor… Ein Blick nach rechts, einer nach links. Niemand beobachtet uns! Wir beugen uns beinahe verschämt vor und wollen es ganz von nahe sehen:

Ulrike Schieferstein zieht mit einer ansteckenden Leichtigkeit und Treffsicherheit die Farben auf die Leinwand, dass schon das für sich ganz allein eine Freude ist. Das locker gesetzte Zusammenspiel von Pinsel und Ölfarbe lässt in uns Bilder und Vorstellungen Blüten und Blattwerk oder einem Sommertag aufleben. Dabei verliert sich die Malerin jedoch nicht im Detail. So weckt sie Bilder und Begeisterung in uns – mit einer Leichtigkeit, die gekonnt sein will.

Zwischen Natur und Nostalgie

Ähnlich – und doch so anders – ist ihre „Blumenwiese“.

Auch wenn Ulrike Schieferstein sich bescheiden zurücknimmt, wenn man erwähnt, man sähe da den Impressionismus hervorblühen – nicht wegen der Blumen – so kann man aber doch nicht umhin, ihr einen meisterhaften impressionisten Ausdruck zu bescheinigen. – Ulrike Schieferstein hört das wohl deshalb nicht so gern, weil sie mit den Großen jener Epoche weder armdrücken möchte, noch um deren Ruhm buhlen.

Zwischen Impression und Fantasie

Ulrike Schieferstein verliert sich gern auch mal zwischen Impression und Fantasie. Da sind die „Gelben Blüten“ ein Beispiel, das ein wenig auch ans Abstrakte grenzt. Zugleich spielt die Malerin hier mit einem merkwürdigen Widerspruch. Eine spannende Ruhe und eine ruhige Lebhaftigkeit treffen hier aufeinander. Aber beide kommen harmonisch und gut miteinander aus.

Motivisch und auf den ersten Blick ganz anders: der „Bauernhof im Sonnenblumenfeld“. Hier spielt die Malerin im Bildtitel nicht nur mit unserer Erwartungshaltung – und unserer Irritation. Sie spielt auch mit unserer Vorstellungskraft.
So fängt die Schieferstein mit diesem Gemälde eine seltsame Mischung aus Lebhaftigkeit und Melancholie ein. Die Blütenpracht einerseits, die Monotonie des Sonnenblumenfeldes andererseits streiten hier ganz unaufgeregt miteinander. Und schließlich, ob die Sonne aufgeht oder unter, bleibt uns so sehr überlassen, wie die Frage, ob ein Glas halb leer ist – oder halb voll.
Ebenso, ob der Himmel bei jenem Sonnenuntergang so gelb geglüht hatte wie die Blüten der Sonnenblumen, die von hier bis zum Horizont reichen? Das ist gar nicht relevant! Hier geht es nicht darum abzubilden, was stattgefunden hatte. Sondern hier nimmt die Malerin uns mit der völlig befreiten Subjektivität des Erlebten ein – und reißt uns mit.

Die „Blauen Blüten“ können nur scheinbar der „Blauen Reihe“ zugeordnet werden. Tatsächlich ist dieses Gemälde ganz unabhängig von den anderen drei Motiven entstanden. Zugleich geht auch dieses Motiv auf Tuchfühlung mit dem Abstrakten. Die Melancholie der blautönigen Dominanz trifft hier zusammen mit einer ruhigen und freien Pinselführung. So werden die „blauen Blüten“ nicht zu einem erdrückenden Erlebnis. Sondern hier verschafft Ulrike Schieferstein uns völlig ergebnisoffen und frei von irgendeiner gedanklichen Lenkung oder Leitung einen Moment der Einkehr und Ruhe. Hier kann man sich einfach fallen lassen… und sich finden.

Dem Impressionismus einige Worte

Gern erkennen Betrachter in den Gemälden von Ulrike Schieferstein „den“ Impressionismus wieder. Wie etwa in dem hier verwendeten Titelbild „Waldweg“. Grund genug, dem Impressionismus eine kurze Betrachtung zu widmen. Ulrike Schieferstein nämlich hatte sich nie bemüht, „den“ Impressionismus nachzuahmen. Jedoch bedient sie sich beinahe zwangsläufig einiger Stilmittel, die erst mit „dem Impressionismus“ Bekanntheit und Akzeptanz gewonnen haben.

Bekanntheiten wie etwa Paul Cézanne, Edgar Degas, Claude Monet oder Auguste Renoir zeigten plötzlich Pinsel – und trauten sich, mehr zu offenbaren, als nur die Struktur der edlen Leinwand. Man greift aber solche Stilelemente beinahe zwangsläufig auf, wenn man sich traut, vielmehr im Betrachter selbst etwas anzustoßen, als mit Detailtreue eine perfekte Imagination zu erschaffen.

Weshalb nur, wiederum, denkt man an französische Maler, wenn man Impressionismus denkt? – Weil diese durch eine Gruppenausstellung im Jahre 1874 einerseits den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen, andererseits auch die Bezeichnung erst angestoßen haben. Alexandra Matzner lässt uns in ihrem Beitrag für „Art in Words“ im Internet wissen, dass 30 Impressionisten ausgestellt hatten. So prägend für eine ganze Epoche und so bewusstseinsprägend für eine Stilrichtung sie gewirkt haben, so desaströs endete dereinst die Ausstellung für die teilnehmenden Künstler.


Zu Claude Monet’s „Impression, soleil levant“ sei verwiesen auf eine interessante andere Website, „Art in Words“. In ihrem Beitrag „Erste Impressionisten-Ausstellung 1874 – erste Selbstorganisation und Namensgebung des Impressionismus“ zeigt die Autorin Alexandra Matzner nicht nur das erwähnte Werk von Monet, sondern auch weitere aussagekräftige Bildbeispiele zum Impressionismus.


Das fränzösische „impression“ kann man einmal ganz nüchtern übersetzen mit seiner unmittelbarsten Bedeutung: Eindruck.

Claude Monet’s Gemälde „Impression, soleil levant“ ist namensgebend geworden für die erwähnte Ausstellung. Und namensgebend für eine ganze Epoche. Es wird durchgängig übersetzt mit „Impression, Sonnenaufgang“. Bleibt man aber einmal etwas holprig an der strengen Übersetzung, dann kommt man Monet’s Gemälde viel näher: „Eindruck, aufgehende Sonne“. Denn das ist, was Monet für uns festgehalten hat: Eine aufgehende Sonne. Die Idylle ist nur mit einem Hauch berührt. Die Andeutungen von der Hafenstadt Le Havre, die der Dunst und die der Maler uns bieten, brechen das Idyll. Sehr charakteristisch ist Monet’s Arbeitsweise: Mit grobem Pinsel und kaum gemischten Farben wirft er zügig die Farben auf die Leinwand. Unser Auge leistet die Farbmischung, nicht der Pinsel des Künstlers. Unser Auge also ruft in uns Vorstellungen auf, die nicht weniger ausdrucksstark sind, als detailverliebtere Wiedergaben, etwa des Realismus.

Aber die Pioniere des impressionistischen Malstils waren die Franzosen nicht! Womit ihre Leistungen – bitte! – auf keinen Fall abgewertet seien! John Constable war bereits Anfang des 19. Jahrhunderts in dieser Richtung sehr aktiv… und gänzlich erfolglos. Er bestritt sein Einkommen mit dem Realismus.

Nicht besser erging es kaum später William Turner. Denn zu dieser Zeit fragte man beherrschend einen romantischen Realismus ab, der von einem kleinen und wohlhabenden Kreis der Gesellschaft mithin sehr gut bezahlt wurde.

Zum Impressionismus jedoch sollte man auch die deutschen Maler nicht übersehen, von denen hier nur exemplarisch Max Liebermann angeführt sei. Oder unter den Dänen – herausragend – Peter Severin Krøyer.

Stimmungen mit tiefer Unmittelbarkeit

Mit „Sonnenaufgang“ präsentiert Ulrike Schieferstein uns ein Gemälde mit gewohnt lockerem Pinselstrich treffsicher. … und berührt uns tief mit erfühlbaren Stimmungen.  Da werden ganz von selbst oder beiläufig Träume und Sehnsüchte wach.

Mit diesem Sonnenaufgang nimmt die Malerin uns mit einer atemberaubenden Authentizität mit an die Küste. Da spüren wir noch den kühlen Windhauch der Nacht. Gerade erst bricht die Sonne hervor – und tut doch so, als hätte sie schon Kraft. Kein Erinnerungsfoto könnte uns solche Stimmungen und das Nacherleben so nahe bringen. Ein Foto kann da – selbst bei guter Nachbearbeitung – nur oder wenigstens vorsichtig anrühren. Ulrike Schieferstein schafft mit Öl auf Leinwand ein Abbild der menschlichen Wahrnehmung und hält den Moment gleichsam für die Ewigkeit fest.

Mit „Abendstimmung“ schenkt Ulrike Schieferstein uns einen lauen Sommerabend am Mittelmeer. Hier spielt die Malerin mit spannenden Kontrasten. Gerade schwelt noch die Hitze des Tages nach. Und schon treibt der aufkommende Wind uns auch eine Gänsehaut über den Leib.
Wir schauen in die tiefstehende Sonne, die die Hausfassade in unserem Rücken im warmen Orange glühen lässt. Ein Unwetter zieht im Südwesten auf – aber auf säuleneingefasster Terrasse bleiben wir wohlbehütet.

Auf eine ganz andere Weise spielt Ulrike Schieferstein mit den Stimmungen in ihrem Gemälde: „Wasserfall“. Denn hier ist der Wasserfall bloßes Beiwerk. Alles, was sich in diesem Werk abspielt, findet zwischen den beiden jungen Damen statt, die dargestellt sind. Die Malerin präsentiert uns eines ihrer Menschenbilder – und führt uns an der Nase herum… mit dem wundersamen Bildtitel. Man fragt sich auf den ersten Blick, ob diese Frauen überhaupt etwas miteinander zu tun haben.  Da sitzt die eine gar gelangweilt im diffusen Sonnenlicht, die andere ist fasziniert von den herabstürzenden Wassermassen. Und doch spüren wir, wie eng sich beide verbunden fühlen auf eine unausgesprochene Weise.

(andere Menschenbilder)

Sich ins Träumen gucken

Ganz ungeniert träumen lässt Ulrike Schieferstein und uns mit ihren Gemälden. … oder lässt sie uns eher teilhaben?

Die Romantik früherer Jahre ist nicht verloren gegangen, hat aber Variationen erfahren. Im Grunde spricht Ulrike Schieferstein keine andere Sprache, als wir zum Beispiel von den „Mädchen in der Wiese“ kennen. Mit „Plantage“ nimmt die Malerin uns mal wieder mit auf eine Kopfreise. Und natürlich wissen wir, dass es mit Öl auf Leinwand „nur“ ein Gemälde ist. Trotzdem lassen wir uns gern zum Träumen mitreißen…

Träumen oder die Gedanken schweifen lassen…

„Plantage“ erinnnert ein wenig an ein älteres ihrer Werke – „Das schöne Leben“ – mit dem die Gedanken und Träume ähnlich dahinschweifen… Man kann sich gar nicht sattsehen. Und das ist nun die seltsame Kunst dieser Malerin: Wir können den Blick nicht lassen von ihren Gemälden – und laben doch nur von den Assoziationen, die Ulrike Schieferstein so ganz unangestrengt in uns weckt.

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