Zwischen Impression und Fantasie

Ulrike Schieferstein verliert sich gern auch mal zwischen Impression und Fantasie. Da sind die „Gelben Blüten“ ein Beispiel, das ein wenig auch ans Abstrakte grenzt. Zugleich spielt die Malerin hier mit einem merkwürdigen Widerspruch. Eine spannende Ruhe und eine ruhige Lebhaftigkeit treffen hier aufeinander. Aber beide kommen harmonisch und gut miteinander aus.

Motivisch und auf den ersten Blick ganz anders: der „Bauernhof im Sonnenblumenfeld“. Hier spielt die Malerin im Bildtitel nicht nur mit unserer Erwartungshaltung – und unserer Irritation. Sie spielt auch mit unserer Vorstellungskraft.
So fängt die Schieferstein mit diesem Gemälde eine seltsame Mischung aus Lebhaftigkeit und Melancholie ein. Die Blütenpracht einerseits, die Monotonie des Sonnenblumenfeldes andererseits streiten hier ganz unaufgeregt miteinander. Und schließlich, ob die Sonne aufgeht oder unter, bleibt uns so sehr überlassen, wie die Frage, ob ein Glas halb leer ist – oder halb voll.
Ebenso, ob der Himmel bei jenem Sonnenuntergang so gelb geglüht hatte wie die Blüten der Sonnenblumen, die von hier bis zum Horizont reichen? Das ist gar nicht relevant! Hier geht es nicht darum abzubilden, was stattgefunden hatte. Sondern hier nimmt die Malerin uns mit der völlig befreiten Subjektivität des Erlebten ein – und reißt uns mit.

Die „Blauen Blüten“ können nur scheinbar der „Blauen Reihe“ zugeordnet werden. Tatsächlich ist dieses Gemälde ganz unabhängig von den anderen drei Motiven entstanden. Zugleich geht auch dieses Motiv auf Tuchfühlung mit dem Abstrakten. Die Melancholie der blautönigen Dominanz trifft hier zusammen mit einer ruhigen und freien Pinselführung. So werden die „blauen Blüten“ nicht zu einem erdrückenden Erlebnis. Sondern hier verschafft Ulrike Schieferstein uns völlig ergebnisoffen und frei von irgendeiner gedanklichen Lenkung oder Leitung einen Moment der Einkehr und Ruhe. Hier kann man sich einfach fallen lassen… und sich finden.

Stilsicher in Abstrakt

Auch abstrakt tritt Ulrike Schieferstein stilsicher auf. Das jedoch ist nun die „neue“ Schieferstein! Ruhig und gelassen führt sie den Pinsel.  Mit aller Leichtigkeit reißt sie uns zwanglos mit. Aber das sieht nur so aus, wenn es dann fertig ist. Denn das sind natürlich Prozesse der inneren Auseinandersetzung, der Imagination, der Utopie auch, die im Kopf stattfindet – und nicht zuletzt die Fähigkeit, diese Bilder im Kopf auch mit Farbe und Pinsel zielsicher umsetzen zu können.

Ein schönes Beispiel: nicht nur der „Blütenkelch“. Hier allerdings bin ich ein wenig unentschlossen… Ist der schon abstrakt? Oder ist der Blütenkelch noch ein Gemälde zwischen Impression und Fantasie? Ich habe es also versucht mit dem Begriff der utopischen Expression.

Mit „Öl und Wasser“ ist die Schieferstein klar abstrahiert – und ist auch mal jene Malerin, die uns nicht nur ins verspielt Träumerische mitnimmt. Sondern  sie legt den Finger in die Wunde – ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Abstrakt ihr Motiv – abstrakt also auch die Botschaft. Und so bleibt nicht die Spur des Belehrenden.

Der Mensch ist die Grenze, wo er dem Gewohnten Glauben schenkt.
Konsequent hat Ulrike Schieferstein sich auch im Abstrakten einen Ausdrucksraum erschlossen.  So zeigt die Malerin uns offene Horizonte, wo wir uns die Fantasie herausnehmen, Horizonte zu öffnen! Und verlangt uns zugleich nicht ab, uns im akademischen Kunstverständnis verlieren zu müssen. Ulrike Schieferstein bleibt uns leicht zugänglich und gern nahe genug dran am Leben, um uns mit Leichtigkeit von ihr an die Hand nehmen zu lassen…

Ein weiteres Bravourstück ihrer Art, in virtuoser Leichtigkeit abstrakt Pinsel und Farben zu führen, um uns zu ver-führen, zu ent-führen… uns einfach mitzunehmen. Mit ihren „rankenden Blumen“ spielt Ulrike Schieferstein die Klaviatur der visuellen Imagination in seiner ganzen Breite aus.